Stadt Land Entwicklung

Ich lebe auf dem Land in Brandenburg. Damit bin ich einen Schritt gegangen, der in den letzten zwei Jahren zu einem Trend, nein, sogar zu einem Hype geworden ist. Ich bin froh, dass ich die Entscheidung schon vor der medialen Mobilmachung zur Stadtflucht getroffen habe. Es war richtig. Aber ich bin auch die Vorhut einer Entwicklung, die nicht nur positiv ist. Denn wo alle hin wollen ist irgendwann mal teuer und voll. Machen wir uns nichts vor.

Das Thema Stadt-Land bestimmt nicht nur mein Privatleben, sondern auch meine Arbeit. Um meine Erfahrungen mit Gleich- oder Ähnlichgesinnten zu teilen, gebe ich Workshops, stehe für Interviews zur Verfügung oder entwickle Projekte vor Ort, die das Potential des Landlebens zeigen sollen. Gemeinsam mit dem Projekt Landwärts und Neuland21 setzte ich beispielsweise einen Workshop in Stolpe im alten Betonwerk um.

Hannah Beitzer von der Süddeutschen Zeitung begleitete den Workshop und berichtete darüber. Alle Teilnehmer hatten gemeinsam, dass sie sich das Leben auf dem Land mittlerweile besser vorstellen konnten als in der Stadt. Die meisten waren auf dem Dorf oder in kleinen Städten groß geworden. Einige wollten mehr Natur, aber vor allem mehr Lebensqualität für die Familie. Auch die Sorgen waren ähnlich: kommt man in Austausch mit den Ureinwohnern? Wie ist die realistische politische Lage? Wo finde ich ein Haus oder ein Projekt – oder ist alles schon voll?

Ja, es wird langsam immer voller, Häuser und Grundstücke ziehen preislich stark an. Wer sich das leisten kann, hat zwar Glück, fördert aber natürlich auch die Preissteigerung. Die Natur ist wundervoll, aber so ein Garten macht irrsinnig viel Arbeit und ich tausche das Gemüse im nächsten Jahr gegen Blumen ein. Und die Nachbarn: die sind wie sie sind. Mix and mingle auf dem Dorf heißt nämlich: Dorffest, Feuerwehr und Jugendweihe. Unverpackte Tofuwurst gibt es da eher selten. Außer man hat das Glück, wie wir, bereits eine frühere Generation von Zugezogenen um sich zu haben. Solche, die schon vor rund 20 Jahren den Weg auf das damals brandenburgische Nachwende-Land gewagt haben und damit aus meiner Sicht irgendwie die „echten Pioniere“ sind.

Die Realität ist folgende: viele Menschen streben nach neuen Ufern, möchten sich entwickeln, expandieren und experimentieren. Andere möchten, dass alles lieber bleibt wie es ist. Aus Sorge um steigende Mieten, Kaufpreise, zertrampelte Natur, fremde Einflüsse, zuviel Bio, zuviel Veganer.

Das Land ist solange schön, wie es nicht zugebaut ist, egal ob mit Platten oder Tiny Houses. Die Ruhe ist solange da, wie sie nicht jeden Abend durch laute Musik zerstört wird, egal ob durch Mantren oder Techno. Und Parallelwelten werden nur verhindert, wenn man aktiv, stets und ständig am Austausch arbeitet, auch mit denen, die eine andere (politische) Meinung haben, als man selbst. Und trockenen Kuchen und Filterkaffee mag.

Es schlagen, ach, zwei Herzen in meiner Brust: das eine möchte eine von Wenigen sein und ihre Ruhe haben. Das andere freut sich auf mehr Macher und Kreative, die Lust auf persönlichen Ausdruck haben.

Niemand hat dieses Dilemma schöner in Szene gesetzt, als Lola Randl in ihrem Film Von Bienen und Blumen. Immer am Rande des Fremdschämens und in der Hoffnung, dass niemand bloßgestellt wird, kann man eintauchen in das Leben verkopfter Städter, die alles irgendwie gut meinen, aber nicht immer alles von Anfang an gut machen. Und man lernt, warum Döner alles schöner macht.