Slowmag | Von Planck, Jung und Steiner

Mit diesem Text führe ich den Beweis an, dass wir alle eins sind. Lehnt Euch zurück und lasst Euch darauf ein. Ich habe 10 Jahre gebraucht, um die Puzzleteile zu legen und versuche nun, das entstandene Bild in 10.000 Zeichen zu erklären. In diesem Text soll es um das Kollektivbewusstsein gehen, um die Frage, was wir miteinander gemeinsam haben, welche Essenz uns im Innersten verbindet und wie wir eine Zukunft gestalten, in der wir uns gegenseitig unterstützen und wertschätzen. Die Recherche dazu war eine Reise in die Randgebiete wissenschaftlicher, esoterischer, religiöser, psychologischer und geschichtlicher Betrachtungsweisen. Am Ende stand mein Gehirn kurz vor dem Urknall. Es geht nämlich in Wahrheit um die großen Fragen des Lebens: Woher kommen wir? Sind wir ein Teil des Universums oder ein Abbild Gottes? In welchem Bewusstseinszustand spüren wir diese Verbundenheit? Und hilft uns das weiter? Dichter, Denker und spirituelle Lehrer beschäftigen sich seit Jahrtausenden mit den Antworten. Und sie alle sind sich einig, dass es einen unsichtbaren Kleber gibt, der uns alle untrennbar miteinander verbindet.

Zurück zum Urknall. Zurück zum Anfang.
Der Film Bleep – Down the rabbit hole beschreibt anhand der Quantenphysik sehr anschaulich und amüsant, was es bedeutet, wenn atomare Teilchen miteinander verschränkt, also verbunden sind. Wir alle – Pflanzen, Tiere, Menschen – haben einen gemeinsamen universellen Ursprung, entstanden aus der Ursuppe des Universums, aus dem Urknall geboren. Der Raum ist nur eine Konstruktion, die die Illusion davon erzeugt, dass die Dinge getrennt voneinander existieren, heißt es dort. Und diese gemeinsame Materie soll es sein, die uns miteinander verbindet, ganz egal wie weit wir körperlich voneinander entfernt sind.
Sind die Elementarteilchen der Grund dafür, dass Freunde anrufen, sobald wir an sie denken?
Auch für Goethe steckte in jedem Menschen die Summe aller Schöpfungen auf Erden. Er machte dafür allerdings nicht den Urknall, sondern den Schöpfer Gott verantwortlich, den er allerdings lieber den »Weltgeist« oder »Das unbekannte höhere Wesen« nannte. In Dichtung und Wahrheit schreibt er: »Mir aber möge man erlauben, dass ich den verehre, der in dem Reichtum seiner Schöpfung so groß war, nach tausendfältigen Pflanzen noch eine zu machen, worin alle übrigen enthalten, und nach tausendfältigen Tieren ein Wesen, das sie alle enthält: den Menschen.«
Wir sind nach Goethe also die Summe aller Schöpfungen auf Erden und gleichzeitig ein Teil davon. Wir alle Gottes Kinder? Eine große Familie also? In der Philosophie und Psychologie nimmt der Gedanke vom Verbunden sein einen wichtigen Platz ein. Dabei geht es weniger um die Frage, aus welchem Baumaterial der Mensch geformt wurde, oder man prinzipiell eher an Gott oder den Urknall glaubt, sondern wie das Individuum durch sein Jahrtausende altes Erbe oder seine Sozialisierung geprägt ist, und ob nicht hier der Grund für unser ähnliches Denken und Handeln und das oft diffuse Gefühl der Verbundenheit liegt. C.G. Jung beispielsweise war überzeugt, dass neben dem persönlichen Unbewussten _ Wünschen, Trieben, Verdrängtem (nach Freud) _ auch ein kollektives Unbewusstes existiert. Es ist laut Jung überindividuell und kulturunabhängig. Alles, was die Menschheit jemals erlebt hat, sei zum Bestandteil der Psyche jedes Einzelnen geworden, postulierte er. Die Beweise dafür fand er in Bildern, Symbolen, Mythen und Märchen, die über Kontinente hinweg in verschiedenen Kulturen ähnlich oder sogar gleich sind. Die ganze Evolution steckt demnach gefühlstechnisch also in uns und beeinflusst unsere Gedanken und unser Handeln?
Wenn wir also alle aus demselben Holz geschnitzt sind und durch die Weltgeschichte im Unterbewusstsein eine ähnliche Prägung und grundsätzlich dieselben Bedürfnisse haben, dann stellt sich doch die Frage, wie wir Zugriff auf dieses Gemeinsamkeitsgefühl bekommen und es nutzen können. Denn unstrittig ist doch wohl, dass ein spürbares Gefühl der Einheit zwischen den Menschen viele Probleme lösen würde.
Der Anthroposoph Rudolf Steiner (1861–1925) ging davon aus, dass es möglich sei, ein Bewusstsein zu erlangen, »das über das eines einzelnen Menschen hinausgeht«. Er selbst behauptete, sich in diesen Zustand durch intensive Meditation versetzen zu können und in der sogenannten Akasha-Chronik, dem »Buch des Lebens« lesen zu können. Er ging davon aus, dass das übersinnliche Verständnis für vergangene Dinge eine Möglichkeit sei, »den der Menschheitsgeschichte zugrunde liegenden Entwicklungsimpuls zu verstehen« und Verantwortung für die zukünftige globale Entwicklung zu übernehmen.
Bezeichnenderweise hat der Begriff Akasha seinen Ursprung im Sanskrit. Und auch die Meditation verbinden wir am ehesten mit östlichen Kulturen und Religionen. Diese Achtsamkeits- und Konzentrationsübungen sollen den Geist beruhigen, für Stille im Kopf sorgen und das Bewusstsein erweitern. Oder vielleicht besser: den Zugang zum Unbewussten, Unterbewussten oder zur Intuition ermöglichen.
Die Vertreter der Transzendentalen Meditation nehmen für sich in Anspruch, per Massenmeditation eine ganze Gesellschaft – ja sogar die Welt – positiv beeinflussen zu können. Wenn nur genügend Menschen meditieren, dann verringere sich die Kriminalitätsrate, Unfälle würden seltener, Gewalt nehme ab. Für jeden, der die Transzendentale Meditation erlernt hat und ausübt, gibt es wohl mindestens einen ebenso engagierten Kritiker an System und angeblichen Erkenntnissen und Wirkungen.
Müssen wir alle den Gang nach innen wagen, um zu sehen, wer wir wirklich sind und zu erkennen, wie wir die Welt verändern können?
Wie auch immer man den sogenannten Maharishi-Effekt für sich selbst bewertet, Tatsache ist, dass viele Menschen in der westlichen Welt die Meditation für sich als heilsames Mittel zur Entspannung und Stressreduktion entdeckt haben. Das ist nicht verwunderlich, denn die innere Einkehr, der Rückzug in die Stille verkleinert das Ego und verweist den Verstand auf seinen Platz. Es entsteht Raum für Gefühle. Man sagt, die Meditation fördere »das Liebenkönnen«, die Empathie.
Empathisch zu sein ist das Gegenteil davon, egozentrisch zu sein. Es bedeutet, zwar autonom zu bleiben, aber in der Lage zu sein, sich in andere hinein zu versetzen und sich auf einer emotionalen Ebene mit ihnen identifizieren zu können. Das geht am besten, wenn man einfach mal die Klappe hält. Zuhört. Mitspürt. Nachvollzieht.
Natürlich gilt es nicht nur, nach außen gerichtete Empathie zu fördern. Im Gegenteil, nur wer die Fähigkeit besitzt, sich selbst zu beobachten, zu verstehen und mit Sensibilität zu begegnen, ist in der Lage, ein empathisches Wesen zu sein. Von Jesus’ »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« über den gewaltfreien Buddhismus bis hin zu Kants kategorischem Imperativ ist die Fähigkeit zur Empathie der Grund, warum religiöse oder ethische Verhaltensgrundsätze aufgestellt wurden und überhaupt Beachtung finden. Denn nur Mitleid, Trauer oder Schmerz bzw. Mitgefühl und Liebe veranlassen uns dazu, unser Verhalten vor dem Handeln zu überprüfen und uns moralischen Lebens-Regeln zu unterwerfen.
Für mich ist die Fähigkeit zu empathischem Empfinden der Beweis für die Theorie der tiefen Verbundenheit zwischen den Menschen. Wären wir nicht eins, gäbe es das Gefühl der Empathie wahrscheinlich gar nicht. Vielleicht ist die Frage, woher wir kommen, ob wir spirituell sind oder nicht, gar nicht entscheidend. Vielleicht ist es nur wichtig, zu erkennen, dass in der Gemeinsamkeit der Schlüssel zum Glück liegt.
Wir sind ein Kollektiv. Ein Kollektiv in Entwicklung, mit vielen Fehlern, verschüttetem Wissen und Gefühlen. Aber eins. //
Lesetipp: http://www.newslichter.de/2011/10/das-wort-zum-sonntag-von-max-plank/

Hier das Original: http://www.slowmag.eu/de/ausgabe/12/kollektiv.html

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